Die Lieferantenbasis als Wettbewerbsfeld
Die Lieferantenbasis ist kein Adressverzeichnis, sondern das Feld, auf dem sich Kosten, Versorgungssicherheit und Verhandlungsmacht entscheiden. Eine tragfaehige Lieferantenstrategie beginnt mit der Frage, wie stark der Wettbewerb in einer Warengruppe tatsaechlich ist – und der ist schwerer zu bestimmen, als die reine Zahl möglicher Anbieter vermuten laesst.
Jeder Lieferant waegt in einer Verhandlung ab zwischen der Wahrscheinlichkeit, den Zuschlag zu erhalten, und der Marge, mit der er kalkuliert: Je unsicherer der Auftrag, desto schaerfer der Preis. Genau diese Dynamik treibt der Wettbewerb – und er wird nicht allein angebotsseitig durch den Markt gepraegt, sondern nachfrageseitig durch die eigenen Einkaufspraktiken. Zwischen dem echten Monopol und dem austauschbaren Massengut liegt ein grosser Mittelbereich, in dem professionelles Lieferantenmanagement den entscheidenden Unterschied macht.
Abhängigkeit und Monopolsituationen auflösen
Monopolsituationen sind haeufiger, als es Einkaufsorganisationen lieb ist – aber laengst nicht jede vermeintliche Abhängigkeit ist echt. Bevor eine Strategie feststeht, lohnt eine nuechterne Pruefung:
- Gibt es Substitute oder potenzielle neue Lieferanten?
- Lassen sich Spezifikationen anpassen, um Alternativen zu oeffnen?
- Existieren Make-or-Buy-Optionen und relevante Nachfragemacht?
- Und vor allem: Welche dieser Informationen hat der Lieferant tatsaechlich?
Ein verbreiteter Fehler ist, den Wissensstand des Gegenübers zu überschätzen. Lieferanten kennen die wahren Abhängigkeiten oft schlechter, als man annimmt. Wo sich Spielraeume zeigen, lautet das Ziel deshalb, Alternativen glaubhaft zu machen – etwa durch sichtbaren Abbau von Wechselbarrieren oder den Verweis auf Make-or-Buy. So entsteht eine Situation „als ob“ Wettbewerb bestuende. Diese strukturelle Arbeit an der Ausgangslage, das Verhandlungsmanagement, verschiebt die Position, bevor die eigentliche Verhandlung überhaupt beginnt.
Wettbewerb erhalten statt hausgemachte Huerden bauen
Als Faustregel gilt: Jede starre Regel, die sich der Einkauf selbst setzt, ist ein potenzielles Wettbewerbshindernis. Vorab fixierte Sourcing-Quoten, pauschale Amortisationsschwellen oder vorschnelle Lieferantenausschluesse geben dem Markt einen engen Rahmen vor und nehmen ihm die Chance, die guenstigste Loesung selbst zu finden.
- Lieferantenausschluss: Statt an einem Knock-out-Kriterium festzuhalten, klaert eine Bonus-Malus-Bewertung, was eine nicht erfuellte Anforderung wirklich kostet.
- Amortisationsregeln: Wechselkosten gehoeren in jede Entscheidung, aber als individuelle Delta-Bewertung – nicht als starre Pauschale, die kleine Bestandslieferanten unangreifbar macht.
- Cross-Funktionen: Stehen Entwicklung und Produktion sichtbar aufseiten des Bestandslieferanten, sinkt der Preisdruck. Praeferenzen sind legitim, müssen aber objektiv messbar und monetaer ausdrueckbar sein.
Auch Last-Call-Optionen wirken teurer, als sie scheinen: Der Beguenstigte senkt seinen Preis kaum noch, und mit sinkender Bieterzahl waechst dieser Nachteil.
Einstieg: mit einem Pilotprojekt beginnen
Eine neue Lieferantenstrategie beweist sich am besten an einem klar umrissenen Pilotprojekt statt an einem flaechendeckenden Rollout. Geeignet ist eine Warengruppe, die mehrere Kriterien zugleich erfuellt:
- Ausreichendes Volumen: Der erwartete Nutzen muss den Mehraufwand rechtfertigen und den Auftrag für Lieferanten attraktiv machen.
- Klare Spezifikation: Das Gut oder die Leistung laesst sich praezise beschreiben – anders als bei rein kreativen Leistungen.
- Verschiebbares Volumen: Mindestens zwei geeignete Lieferanten, zwischen denen sich Mengen tatsaechlich verlagern lassen.
- Zeitlicher Vorlauf: Mehrere Monate bis zur Vergabe, damit sich der Prozess sauber aufsetzen laesst.
Entscheidend ist zudem das Commitment, sich an den definierten Mechanismus und dessen Ergebnis zu halten – in regulierten Branchen oft leichter, da die Regularien Transparenz ohnehin verlangen. Wo diese analytische, mechanismus-orientierte Denkweise systematisch verankert werden soll, setzt spezialisierte Einkaufsberatung an.
